Hilfe, ich brauche Hilfe!

Beim Selbstverteidigungskurs in der 4. Klasse hat der Typ gesagt, dass wir in einer Notsituation nicht „Hilfe!“ rufen sollen, sondern „Feuer!“, weil die Menschen da eher kommen. Ich denke, diese Verhaltensweise kann man recht gut auf viele Bereiche unserer Gesellschaft übertragen.

Ich bin ziemlich schlecht darin, um Hilfe zu bitten. Gäbe es einen Nobelpreis fürs Aushalten, ich wäre eine heiße Kandidatin dafür. Es geht immer noch ein bisschen mehr, nein, alles gut, ich schaffe das, andere will ich damit nicht belasten und sowieso, die anderen kriegen es doch auch hin. Es gibt diesen magischen Punkt, an dem man um Hilfe bitten sollte. Angeblich. Ich habe den noch nie gesehen. Ist vermutlich so wie der Topf Gold am Ende des Regenbogens. Immer, wenn man denkt, da zu sein, geht immer noch ein bisschen mehr.

Es ist nicht so, als würden andere mir nicht gerne helfen wollen. Ich habe wunderbare Menschen um mich herum, die so einiges für mich tun würden und auch schon einiges getan haben. Aber da ist immer diese leise, meckernde Stimme in meinem Kopf, die flüstert: „Das hättest du jetzt auch alleine machen können, du faule Sau.“

Verdiene ich Hilfe? Vermutlich schon. Sagt mein Therapeut. Und mein Mann. Und so ziemlich alle anderen Lebewesen, die ich danach frage. Nur die Stimme in meinem Kopf, die behauptet das Gegenteil und genau auf die höre ich, denn sie sitzt ja wortwörtlich in mir drin und ich würde mich doch nie selbst belügen, oder?

Um Hilfe zu bitten, hat bei mir immer etwas mit Scham zu tun. Ich bin nicht stark genug, dafür schäme ich mich. Ich kann das nicht alleine, wie so ein kleines Kind, das sich noch nicht selbst die Schnürsenkel binden kann. Aber lustigerweise schämt sich das kleine Kind nicht dafür. Es weiß, dass es manche Dinge eben (noch) nicht kann und das ist in Ordnung so. Bis ein Erwachsener herkommt und sagt: „Du bist doch jetzt wirklich schon alt genug, das alleine zu machen, du bist nur zu faul.“

In meinem Leben haben mir Menschen das ein bisschen zu oft gesagt. Klar, es geht irgendwie darum, ein Kind zur Selbstständigkeit zu erziehen, aber wer erzieht ein Kind eigentlich dazu, auch mal schwach sein zu dürfen? Wer lobt sein Kind dafür, wenn es um Hilfe bittet? „Ich bin so stolz auf dich, dass du deine Grenze erkannt und mich um Hilfe gebeten hast, das hast du großartig gemacht.“ Schon mal gehört? Nein? Eben.

Grenzen. Ich denke, das ist der Punkt, dieser magische Punkt am Ende des Regenbogens, der uns zeigt, dass wir auch mal um Hilfe bitten dürfen. Aber Grenzen sind nicht manifest, sie verschwimmen oder sind dehnbar. In der heutigen Welt sollen wir stets über unsere Grenzen gehen, das sagt uns die Werbung, unser Chef, die Fitnesstrainerin. Immer noch ein bisschen mehr, in etwa so, wie wir mit unserem Planeten umgehen. Grenzen sind nicht festgelegt, wir bestimmen sie selbst und wir sind schwach und inkompetent und des Lebens nicht würdig, wenn wir sie zu früh setzen. Aber wer darf das von außen überhaupt beurteilen? Dürfen wir das selbst? Schon mal gesagt: „Das ist meine Grenze, tut mir leid, mehr mache ich nicht.“ Noch nie? Nein? Eben.

Wir fühlen uns der Welt verpflichtet. Die Kollegin, die uns darum bittet, ihr bei diesem gigantischen Aktenstapel zu helfen, da können wir doch nicht nein sagen. Sie zeigt uns ihre Grenze, das macht sie gut, aber da kann man doch schlecht sagen: „Sorry, nee.“ Naja, eigentlich kann man es schon sagen, aber man will die Kollegin nicht enttäuschen, immerhin bittet sie ja schon um Hilfe, die können wir nicht ausschlagen, auch wenn wir dabei die eigene Grenze in den Boden stampfen – oder ausdehnen. Ein bisschen mehr geht immer.

 Und dann sind wir böse auf die Kollegin, weil SIE UNSERE Grenze überschreitet, aber das tut sie an sich gar nicht, wir überschreiten unsere Grenze. Die Kollegin zeigt nur ihre auf und bittet um Hilfe. Meine Güte, ist das schwer, eigene und fremde Grenzen gleichzeitig zu wahren. Da kann man sich doch eigentlich nur auf eine konzentrieren und weil wir immer noch ein bisschen mehr aushalten, helfen wir lieber der Kollegin. Die könnte ja sonst wütend auf uns werden, weil wir sie alleine lassen, und es ist immer schwerer, negative Gefühle von außen zu ertragen als die eigenen. Mit meinen Dämonen habe ich Übung, mit denen trinke ich Tee, aber wenn andere sauer auf mich sind, da geht die Party erst richtig los. Also lieber die eigene Grenze missachten.

Manchmal denke ich, ich würde nicht einmal die Feuerwehr rufen, wenn ich brennen würde. Es brennt ja vielleicht nur der rechte Arm, so dringend brauche ich den nicht, ich bin ja Linkshänderin, und löschen kann ich ihn vielleicht auch selbst. Man kann immer noch ein bisschen mehr brennen. Dann werde ich wütend auf mich. Ich bin es wert, die Feuerwehr zu rufen, wenn mein rechter Arm brennt. Die werden ja sogar dafür bezahlt, mich zu löschen und vermutlich täten sie es auch gern. Ich bin es wert, um Hilfe zu bitten, wenn mal etwas nicht so klappt, wie ich das gerne hätte.

Es geht nur um diesen magischen Punkt. Mein Therapeut nennt das den „kritischen Punkt“. Auf dem Weg von „Alles okay“ zu „Dissoziation hard“ gibt es zum Beispiel immer diesen Punkt. Auf dem Weg von „Mensch, alles super“ zu „Nervenzusammenbruch für Fortgeschrittene“ auch. Es gibt immer diesen Punkt auf diesem Kontinuum, an dem man noch handeln kann und an dem man handeln sollte.

„Nein, das ist mir zu viel. Ich schaffe das nicht alleine, kannst du mir bitte helfen?“ – manchmal übe ich diese Sätze heimlich und leise mit mir selbst. Wie ein Skript, eine Wenn-Dann-Bedingung. Aber es hilft nichts, das „Dann“ zu kennen, wenn das „Wenn“ fehlt. Oftmals bemerke ich sogar, dass ich den kritischen Punkt erreicht habe. Aber da geht dann eben immer noch ein bisschen mehr.

Ich glaube, das ist der Casus knacksus der ganzen Sache: Dass ich endlich begreife, dass ich nicht mehr aushalten muss. Dass das an sich eigentlich kein Mensch muss. Natürlich, manchmal genieße ich es, meine Grenzen auszudehnen und vielleicht noch 500 Meter weiter zu schwimmen, als ich es geplant habe. Es gibt also eigentlich nicht nur eine Grenze, sondern mehrere - wie die Ringe eines Baums.

Die erste Grenze, die spüren wir eigentlich ganz intuitiv. Wir haben genug Arbeit zu erledigen und da kommt ausgerechnet jetzt die Kollegin und will was von ihrem Stapel abgeben. Erster Gedanke: „Och nö.“ Aber okay, ein paar freie Kapazitäten haben wir noch, eine Überstunde die Woche ist nicht schlimm, das ist die Kollegin uns wert. Dann kommt aber vielleicht noch die Chefin dazu und fragt uns, ob wir Freitag länger machen können, weil es da noch dieses Projekt gibt, das dringend fertigwerden muss. Hier erreichen wir sicherlich die zweite Grenze: „Halt, Stopp!“ Aber weil wir nicht die menschgewordene Faulheit des Büros sein wollen, sagen wir zähneknirschend zu. Dann ruft die beste Freundin an und sagt, dass sie heiraten und unbedingt heute noch Brautkleider anschauen will und wir unbedingt mitkommen müssen. Sie meint es nicht böse, keiner von ihnen meint es böse, aber das ist dann spätestens die dritte Grenze: Es wird körperlich. Wir spannen uns an, werden gedanklich abweisend, bemerken das, halten uns für richtig fies, der besten Freundin absagen zu wollen, denken uns „Ach, das geht noch“ und sagen zu.

Bei dieser Baumringmetapher ist im Innersten dieser Ringe unsere Seele. Da sind wir, der Kern von uns, das, was nicht angegriffen werden sollte. Aber je öfter wir gegen unsere Grenzen „Ja“ sagen, umso näher kommen wir dieser finalen Linie – sie heißt „Selbstaufgabe“. Wenn wir den Punkt erreicht haben, existieren wir nur noch für die anderen. Und das ist nicht gut.

Es müssen nicht mal andere Menschen involviert sein, wenn es um Grenzen geht. Wir selbst neigen ebenfalls dazu, uns heillos zu überladen. Vor der Arbeit meditieren, dann acht Stunden arbeiten, anschließend zum Sport, Hobbys pflegen, Freundschaften, den Urlaub planen, den Haushalt erledigen, dies noch, das noch, ich schaffe das, noch ein bisschen mehr. Und in unserem inneren Baum so: Grenze, Grenze, Grenze, Grenze, Halt stopp, ernsthaft, das ist nicht gut, Grenze, Selbstaufgabe.

In der Traumaklinik habe ich mir das bildlich dargestellt. Ich habe jetzt immer einen Zettel bei mir, auf dem zwei Ringe sind, ein blauer großer und darin ein kleinerer roter. Außenherum ist es grün, da ist alles okay. Zwischen dem blauen und dem roten Ring ist eine Zone namens „Hm.“ Das ist der Bereich, in dem ich die erste Grenze schon übergangen bin, aber doch noch freie Kapazitäten besitze, um handeln zu können. Innerhalb des roten Rings ist die „Nope“-Zone. Hier sage ich kategorisch „Tut mir leid, aber das kann ich nicht.“ Und dann frage ich mich regelmäßig: In welchem Bereich befinde ich mich gerade? Grün (alles okay), blau (sollte nicht zu lange dauern, ist aber in Ordnung) oder rot (auf gar keinen Fall)?

Das hat viel mit Ehrlichkeit mir selbst gegenüber zu tun. Rede ich meine eigenen Grenzen klein oder sehe ich sie so objektiv wie möglich? Denn alle Menschen haben Grenzen, das ist mit einer unserer wichtigsten Instinkte, weil wir gut mit unserer Energie haushalten müssen, um immer noch freie Kapazitäten für Eventualitäten zu haben (wie für die beste Freundin, die sich spontan Brautkleider anschauen möchte).

Um Hilfe zu bitten, um eigene Grenzen zu wahren, braucht es viel Mut. Einigen Menschen, vermutlich dem Großteil unserer Gesellschaft, wurde der ausgeredet. Wir sind es nicht wert, uns um uns selbst zu kümmern und anderen zur Last zu fallen. Aber mal ehrlich, eigentlich ist das doch ausgemachter Blödsinn. Oder um meinen Mann zu zitieren: „Wenn du mich um Hilfe bittest, fühle ich mich gebraucht.“ Andere Menschen helfen uns gerne, es gibt ihnen ein altruistisches Gefühl, sie mögen uns und wollen, dass es uns gut geht.

„Ich brauche Hilfe“ ist die schönste Art, zu sich selbst ehrlich zu sein. Wir haben ein Recht auf Leben, wir haben ein Recht auf Grenzen und wir haben ein Recht darauf, für uns selbst einzustehen. Wir dürfen schwach sein, wobei, was soll das überhaupt sein? Sind wir schwach, wenn wir um Hilfe bitten? Oder sind wir nicht genau in dem Moment viel stärker als sonst?

Was sind Skills?

Skills. Noch so ein neumodisches Wort, das in letzter Zeit seinen Weg in die Räume der Psychotherapien gefunden hat. „Ich möchte, dass Sie sich eine Skills-Tasche zusammenstellen“, schlug mein Therapeut vor ein paar Wochen vor, „Damit Sie Ihre wichtigsten Hilfen immer dabei haben.“

Skills-Tasche. Bei mir ist das ein ziemlich großes Ding, das die Hälfte meines Rucksacks ausfüllt, den ich immer bei mir trage. Einmal musste ich sie zu Hause lassen, weil die Sonnencreme sonst nicht mehr in den Rucksack hineingepasst hätte. Aber warum ist diese Tasche so wichtig? Wieso soll ich sie immer bei mir tragen? Hier ein kleiner Überblick.

 

Die Skills-Tasche – Wundertüte für Psychos

Eine Skills-Tasche enthält alles, was man bei Panikattacken, Dissoziationen, Suizidgedanken oder Flashbacks so brauchen könnte. Das können Gegenstände sein, aber auch Fotos, Erinnerungskärtchen oder Notrufnummern. Dabei verfolgen diese kleinen Helferlein verschiedene Zwecke, vom Wecken aus Dissoziationen bis hin zur Regulation von Emotionen. Von der Größe her variiert die Tasche zwischen Schlampermäppchen und Waschtasche, wobei das von Anzahl und Volumen des Inhalts abhängig ist. Ich selbst habe mir eine Art Federtasche angeschafft, weil die für mich den besten Überblick über meine kleinen Hilfen bietet – mit Extratäschchen und Schlaufen für kleinere Dinge. Ihren Zweck erfüllen diese Dinge über verschiedene Kanäle. Was aber ist drin und wie funktioniert das Ganze?

 

Kanal 1 – Olfaktorisch und gustatorisch

„Ich bin so aufgeregt, ich brauche ein Bonbon und meinen Riechstab.“ Noch nie gesagt? Da hast du aber was verpasst! In meiner Skills-Tasche ganz oben liegen immer ziemlich scharfe Ingwerbonbons, von denen ich mir eins in den Mund schiebe, wenn ich richtig aufgeregt bin und das Gefühl habe, gleich durchdrehen zu müssen. Denn bei einem ordentlichen „Verdammt, ist das scharf!“ haben Gedankenkreisel keine Chance mehr. Direkt neben den Bonbons hängt ein Inhalierstift in der Schlaufe. Den Duft kennen vermutlich einige von euch, denn er stammt von der Marke WICK und riecht nach Menthol und anderen sehr scharfen Düften. Vermutlich könnte der einen aus jeder Ohnmacht erwecken, aber ich mag den Geruch einfach, denn er spült mir den Kopf frei. Worauf auch ein paar Menschen mit PTBS und anderen psychischen Erkrankungen schwören, sind Ammoniak-Ampullen. Die kann man in jeder Apotheke kaufen und meine Güte, die haben es in sich. Der scharfe Duft nach Ammoniak, mit dem man vermutlich einen ausgewachsenen Elefanten killen könnte, hilft zum Beispiel in dissoziativen Zuständen. Ich selbst habe einmal an so einer Ampulle geschnüffelt und anschließend 15 Minuten geweint, weil der Reiz so extrem war. Also für mich nichts, für andere aber die Hilfe des Jahrhunderts. Manchen helfen auch Chili-Bonbons, -Lutscher oder ganze Schoten, die sie immer bei sich tragen. Die olfaktorischen und gustatorischen Skills sind wie alle anderen auch eben hochindividuell. Was dem einen hilft, kann den anderen zum Weinen bringen.

Auch immer in meiner Tasche zu finden ist Lavendelöl. Das erfüllt bei mir tatsächlich seinen Zweck über zwei Arten: Zum einen beruhigt mich der Duft, weil Lavendel das eben tut, zum anderen aber ist der Duft für mich sehr vertraut und mit positiven Momenten und Emotionen verknüpft. Ich fühle mich sicherer, wenn ich Lavendelöl an mir dran habe. Ähnlich funktioniert auch der sogenannte Aspura-Clip (Ja, ich hab mal die Höhle der Löwen geschaut), ich habe allerdings keine Ahnung, ob die Dinger noch verkauft werden. Ein Aspura-Clip ist ein kleines „U“, das man sich in die Nase einführt. Klingt schlimmer, als es ist. In diesem „U“ sind ätherische Öle drin in verschiedenen Duftrichtungen, die verschiedene Symptome reduzieren sollen. Panikattacken, Flashbacks oder Dissoziationen standen jetzt nicht mit auf der Verpackung, bei mir hilft der lila Clip mit Lavendel aber eben genau dagegen.

 

Kanal 2 – Taktil

In der Klinik habe ich mir mal während einer Dissoziation einen Igelball so fest in die Hand gedrückt, dass noch immer ein rotes Mahnmal auf meiner Handinnenfläche prangt. Ob man mit Igelball oder Akkupressurring gut kann, ist eben wie immer von Person zu Person unterschiedlich. Igelbälle kennen vermutlich die meisten von euch, sei es aus der Physiotherapie oder eben vom Psychotherapeuten. Es gibt verschiedene Arten von Igelbällen, verschiedene Härtegrade von Ball und Stacheln, verschiedene Größen, aber von der Art her funktionieren sie immer gleich. Zum einen hat man etwas in der Hand, das den Kontakt zur Realität herstellt, zum anderen hilft der sensorische Reiz der Stacheln gegen etwaige psychische Symptome, wie Panikzustände oder Flashbacks. Akkupressurringe, die man sich über einzelne Finger gleiten lässt, funktionieren ähnlich. Ich selbst habe eine etwas weniger stachelige Variante gewählt. Mein taktiler Helfer ist ein kleines Plüschschaf, das inzwischen zum dritten Mal sein linkes Auge verliert. Paul Hamburg, so heißt der kleine Kerl, das steht auf dem Etikett, wandert fast automatisch in meine Hand, wenn ich angespannt bin. Dann fahre ich ganz konzentriert seine Konturen mit dem Finger nach, drücke ihn fest an mich oder schaue ihm tief in die Augen.

Auch über die Haut können wir Schmerzreize wahrnehmen, nicht nur über Mund und Nase mithilfe von scharfen Bonbons oder Inhalierstiften. Mein Therapeut hat mir Finalgon-Salbe empfohlen, ich muss aber gestehen, dass ich mich bis jetzt noch nicht getraut habe, sie anzuwenden. Finalgon-Salbe ist eine Wärmesalbe, die ziemlich warm werden kann. Deshalb soll man sich anschließend auch immer eine Mullbinde über die Stelle wickeln oder sie anderweitig abdecken. Und bloß nicht in die Augen fassen! Etwas harmloser finde ich da Tiger Balm. Genauso wie WICK wird dieses traditionelle chinesische Hilfsmittel eigentlich bei Erkältungen eingesetzt und riecht relativ ähnlich. Wenn man Tiger Balm auf die Haut aufträgt, wird sie zunächst kalt und dann im besten Fall warm. Hilft super zum Beispiel auch bei Verspannungen. Mir hilft Tiger Balm auf zwei Arten: Der Duft beruhigt mich und lässt mich klarer denken, die Kälte, beziehungsweise Wärme, lenkt mich von Gedankenstrudeln und emotionalen Ausnahmezuständen ab.

Und dann habe ich natürlich nicht nur was zum Naschen und was zum Entdecken drin, sondern auch was zum Spielen – der Fidget Cube. Das Ding kannte mein Therapeut tatsächlich auch noch nicht. Ursprünglich empfohlen wurde der Würfel für Menschen mit ADHS, er funktioniert aber bei mir auch in extremen Anspannungszuständen, wie zum Beispiel im Bus oder in einer Prüfung. Tatsächlich ist der Fidget Cube nichts anders als eben das: Ein Würfel. An seinen sechs Seiten findet man verschiedene Angebote, seine Finger zu bemühen und zu beschäftigen. Ein Kippschalter ist da, genauso wie ein kleiner Kreis, den man kreiseln lassen kann, Knöpfe zum Drücken, eine metallene Kugel, die man unter dem Daumen drehen kann, eine Art Mini-Joystick und ein Feld, in das man seinen Daumen legen kann und das akkupressurmäßig beruhigen soll. Zu finden ist das Ding, soweit ich weiß, nur online, macht aber eine Menge Spaß und hilft mir eben in starken Zuständen der Anspannung.

 

Kanal 3 – Visuell

Natürlich wollen die Augen genauso wie Nase, Mund und Haut beschäftigt werden. Hier kommen die visuellen Skills ins Spiel. Oben hatte ich ja bereits die Fotos angesprochen. Die helfen zum Beispiel dadurch, dass man sich an glückliche, ruhige Momente erinnern kann, sich Menschen näherbringen kann, die einen unterstützen und lieben, oder indem man das Foto in allen seinen Details analysiert, was ziemlich ablenken kann. Manch einer trägt in seiner Skills-Tasche ein Foto von sich selbst in jüngeren Jahren bei sich, um sich an das Innere Kind zu erinnern, für das man gerade stark sein möchte.

Ähnlich funktionieren auch die sogenannten Erinnerungskärtchen. Auf ihnen zu finden ist neben bunten Bildern meistens auch ein Spruch, der einen an bestimmte Dinge erinnert. „Ich habe das schon einmal geschafft, ich schaffe es erneut.“ – „Ich bin ruhig und kompetent.“ – „Ich bin stark und kann mich dieser Situation stellen.“ Positive Gedankenmuster nennt man das, Erinnerungen an die eigene Kompetenz, an Ruhe, ans Atmen. Genauso wie Fotos kann man sie zur Hand nehmen, wenn man sich überfordert oder extrem angespannt fühlt.

In meiner Skills-Tasche sind noch zehn Kärtchen (ich werde noch ein paar aussortieren müssen, die nicht so gut funktionieren), die verschiedene Aufgaben beinhalten. „Atmen“ zum Beispiel liegt immer ganz oben (Tief in den Bauch einatmen, tief in die Brust einatmen, tief aus dem Bauch ausatmen, tief aus der Brust ausatmen). Sortiert sind diese Kärtchen in zwei Kategorien: Arousal (also Anspannung) und Dissoziation. Was im einen Zustand hilft, kann ich nämlich im andere nicht abrufen. Auf den Dissoziationskärtchen (es sind drei) stehen folgende Aufgaben: Die 5-4-3-2-1-Übung, mein Lieblingsgedicht, dass ich so lange aufsage, bis ich wieder vollständig in der Realität angekommen bin und mich beruhigt habe, und mein Name und meine Adresse, die mich daran erinnern, dass ich nicht mehr in der damaligen Situation bin, sondern in Sicherheit. Mein Therapeut ist übrigens nicht ganz so überzeugt von den Kärtchen, weil ich im Fall der Fälle gegebenenfalls vergessen könnte, eins zu ziehen und dann auch das richtige zu finden. Aber sie sind in der Tasche gut sortiert und auswendig kann ich sie eh. Sie sind mehr eine Erinnerung.

 

Kanal 4 – Kognitiv

Bleiben wir noch bei den Kärtchen. Auf einer von ihnen sind nämlich auch Denkaufgaben gedruckt: „Finde 5 Frauennamen, die mit G anfangen“ – „Zeichne dein Traumhaus“ – „Denke an 10 Pflanzen, die du im Garten hast“. Das kann einen eine Zeit lang beschäftigen und von der angstauslösenden Situation ablenken. Mancher Mensch in einer psychischen Ausnahmesituation fängt auch an, von 100 in 13-er-Schritten rückwärtszuzählen. Was hilft, ist erlaubt (solange es niemand anderem schadet natürlich).

Auch immer in der Tasche ist bei mir ein Parkplan aus dem Europa-Park. Ja, ich weiß, Fangirl, aber der hilft fast immer, wenn ich extrem aufgeregt bin oder sogar halb in einem Flashback hänge und das ebenfalls auf zwei Arten: Zum einen erinnert er mich an einen Ort, an dem ich mich wohl und sicher fühle, zum anderen kann ich mich sehr lange mit ihm beschäftigen. Welche Route würde ich laufen, wenn ich alle großen Achterbahnen abklappern möchte? Wie komme ich am besten zu Fuß von der einen Attraktion zu einer anderen? Es ist 12.34 Uhr und ich möchte zu der Show, die um 14.00 Uhr beginnt. Welche Bahnen schaffe ich dann vorher noch, wenn die durchschnittliche Wartezeit 10 Minuten beträgt? Flashback? Was war das noch mal? Klar, das ist ein ziemlich individueller Tipp, aber bei mir hilft er Wunder. Und er macht darauf aufmerksam, dass Skills nicht nur von Typ zu Typ unterschiedlich sind, sondern, dass man dabei auch ziemlich kreativ werden kann.

 

Was hilft bei was?

Ein Skill funktioniert nicht immer bei allem, weshalb man mehrere bei sich tragen sollte. Mein Therapeut empfiehlt eine Anzahl von 3 bis 5 Skills, die aber auch zielsicher wirken. Wenn man sich noch nicht sicher ist, was wann helfen könnte, kann man auch mehr ausprobieren und von Zeit zu Zeit aussortieren. Wichtig ist: Was bei anderen hilft, kann bei dir mehr Schaden anrichten. Ich sage nur „Ammoniak-Ampullen“. Sei also ehrlich zu dir und teste alles, was für dich in Frage kommen könnte, an der Realität. Dabei kannst du natürlich auch kreativ werden. Was tut dir im Alltag gut? Welche Düfte magst du, was nicht so gerne? Manche Skills sind auch bei einen psychischen Symptom gut, bei einem anderen können sie aber schaden oder im besten Fall nichts ausrichten. Kognitive Aufgaben sind in dissoziativen Zuständen fast nicht zu bewältigen, weil das Gehirn dazu in diesem Moment gar nicht in der Lage ist. Hier helfen vermutlich eher starke olfaktorische, gustatorische oder taktile Reize. Ablenkung ist ganz gut in Anspannungszuständen oder in emotionalen Ausnahmezuständen. Und das Wichtigste: Hab die Tasche immer dabei, denn du weißt ja nicht, wann du Symptome zeigen wirst. Klar, in manchen Kontexten sind sie wahrscheinlicher als in anderen, aber glaube mir, es ist besser, die Tasche 100-mal nicht zu brauchen, sie aber im entscheidenden Moment griffbereit zu haben. Denn so eine Skills-Tasche kann echt hilfreich sein. Am besten probierst du ein bisschen aus, was dir helfen kann. Tipps findest du auch online oder frag doch einfach deinen Therapeuten, der hat sicher eine Idee. Am Ende ist es aber eben immer am besten, auf dich zu hören. Denn keiner kennt dich so gut wie du dich selbst.

Trauma Bullshit Bingo

Es gibt Sätze, bei denen fragt man sich tatsächlich, was der Sprechende sich dabei gedacht hat. Oder ob er überhaupt gedacht hat. Wenn man unter einer psychischen Erkrankung leidet, begegnen solche Aussagen einem doch vermutlich etwas häufiger als gesunden Menschen. Die Klassiker kennen wohl alle: Geh doch ein bisschen spazieren, ruh dich aus, hab dich nicht so. Auch bei Traumafolgestörungen bleiben gute Ratschläge und fiese Aussagen nicht lange aus. Hier meine Top 5 dumme Sprüche, die mir im Laufe meiner PTBS begegnet sind (und mir tatsächlich zum Beispiel auf Twitter noch immer wöchentlich begegnen).

 

1. „Du darfst dich da nicht so hängen lassen.“

Übrigens ein richtig fieser Spruch bei Menschen mit Suizidgedanken. Ich frage mich immer, wie genau die Aussage gemeint sein soll. Stellen die sich vor, dass ich wie eine in Öl gemalte Frau den ganzen Tag schlaff auf dem Sofa liege und vor mich hin-PTBS-e? So eine Traumafolgestörung ist harte Arbeit und bedeutet eigentlich mehr oder weniger das genaue Gegenteil von „hängen lassen“. Denn genau das tue ich nicht. Ich bin den ganzen Tag auf Achse, erledige so viel wie möglich, denn in den Momenten der Ruhe kommen die stärksten Symptome. Klar, auch in anderen Situationen, Dissoziationen zum Beispiel tauchen nur in stressigen Tagesabschnitten auf. Die hätte ich also gar nicht, wenn ich mich nur „hängen lassen“ würde. Von der Therapie mal ganz abgesehen, verbringe ich doch einige Stunden die Woche mit Gesprächen, Anträgen und Therapiehausaufgaben.

 

2. „Hast du schon mal xyz probiert?“

Darmsanierung gegen Depression. Globuli gegen Angststörungen. Wasser trinken gegen PTBS. Und die alten Kamellen: Sport treiben, viel schlafen, ausruhen, Gemüse essen, Kokosölkuren für die Haare. Okay, wir schweifen ab. Ja, es gibt manch ein Verhalten, das ist gar nicht so schlecht für den Körper. Viel Wasser trinken oder gesund essen (was auch immer das bedeuten mag) gehört dazu. Und ihr könnt euch sicher sein, dass die meisten Menschen mit psychischer Erkrankung auch schon den einen oder anderen Hokuspokus ausgetestet haben. Aber sind wir mal ehrlich, irgendwann wird’s lächerlich und manchmal sogar gefährlich. Ich weiß, ich wollte Autismus nie wieder als Beispiel für irgendwas bringen, aber gerade hier ist das Feld der alternativen Heiler besonders schlimm. Es gibt Eltern, die geben ihren autistischen Kindern Salzsäure zu trinken, um den Autismus zu heilen. Das ist nicht nur nicht hilfreich, sondern Körperverletzung. Ich mit meiner PTBS kann selbst entscheiden, was ich tue und was ich lasse. Trotzdem ist es unendlich nervig, dauernd Nachrichten zu bekommen wie „Energien ausleiten bei PTBS“ oder „Heilfasten bei PTBS“. Keine Ahnung, wie dadurch mein Trauma verschwinden soll. Die meisten Tipps sind in ihrem Inhalt etwas harmloser, da geht es dann tatsächlich eher um Sport treiben und viel schlafen. Problem: Durch die PTBS habe ich Schlafstörungen. Viel schlafen ist also nett gemeint, aber eben nicht machbar. Beim gesunden Essen ist das ähnlich. In Zeiten absoluter PTBS-igkeit bin ich froh, überhaupt an die Nahrungsaufnahme zu denken. Da landet auch mal eine Fertigpizza im Verdauungstrakt – und das ist okay. Wenn ihr also jemandem diesen gutgemeinten „Hast du schon mal“-Tipp geben wollt, denkt dran, dass ihr vermutlich sehr wenig über die Erkrankung und über die erkrankte Person wisst. Also: Sprüche sparen, besser Fragen stellen und unverbindliche Hilfe anbieten.

 

3. „Lass es doch endlich hinter dir, das ist Vergangenheit.“

Wie lange darf man an einem Trauma knabbern? Wann ist der gesellschaftsverträgliche Zeitpunkt gekommen, an dem das Trauma auf magische Art und Weise überwunden sein muss? Und sagen diese Leute zu Menschen, die zum Beispiel durch einen Unfall ein Bein verloren haben, auch: „Hab dich nicht so, das ist Vergangenheit“? Ja, die Vergangenheit ist vorbei, aber die Wunden, die in ihrer Gegenwart aufgetreten sind, heilen unterschiedlich schnell. Und da gibt es auch keine Vorgaben, wie schnell die weg zu sein haben. Ein Trauma ist eine tiefgreifende Verletzung der Seele, die niemals ganz verschwinden wird. Man kann lernen, damit zu leben und das Geschehene zu integrieren, aber das lässt das Trauma nicht verschwinden. Für die Heilung oder Genesung an sich ist so ein Spruch übrigens auch nicht sehr hilfreich, impliziert er doch eine Menge Druck und Unverständnis. Genau das aber braucht man nicht, wenn man sich seiner Vergangenheit stellen möchte.

 

4. „So schlimm war’s doch gar nicht, übertreib halt nicht.“

Oh, der Spruch kommt meistens, wenn die Leute genug von meiner PTBS haben. Spätestens hier zeigt sich dann, welche Art von Mensch mir gegenübersitzt. Zugegeben, die Aussage begegnet mir selten, aber sie kommt vor und für mich ist sie die ekelhafteste. Wieso? Stellt euch vor, euer gesamtes Leben über haben andere Personen bestimmt, was für euch schlimm ist und was nicht. Euch wurde dauernd erzählt, dass ihr übertreibt, eine Drama Queen seid und euch nur wichtigmachen wollt oder jemanden mit eurem Schmerz manipulieren möchtet. Irgendwann habt ihr es endlich geschafft, euch dieser Vergangenheit zu stellen, wenigstens ein bisschen Selbstwertgefühl aufzubauen und euch dabei gut zu fühlen. Und dann kommt jemand und sagt: „Du übertreibst.“ Zack, das war’s mit Selbstwertgefühl, das war’s mit Sicherheit, das war’s mit Therapiefortschritten. Hallo Zweifel, hallo Selbsthass, hallo Hoffnungslosigkeit. Lasst es! Entweder ihr wart nicht dabei und habt deshalb keine Ahnung oder ihr wart dabei und habt nicht geholfen, was noch viel schlimmer ist.

 

5. „Wenn du dich damit so wohlfühlst, suhl dich halt in deinem Selbstmitleid.“

Wer hat sich nicht schon einmal gedacht: „Ich bin so gestresst. So ein PTBS-Wellness-Wochenende wäre mal was Tolles.“ Ja, so eine PTBS fühlt sich richtig gut an. Dauerndes Angespanntsein, extreme Schreckhaftigkeit, die Nächte voller Albträume und Schlafstörungen, die Tage voller Flashbacks und physischem Schmerz. Ein Traum. Vermutlich zielt diese Aussage auf ein Phänomen ab, das man „sekundären Krankheitsgewinn“ nennt. Manche Betroffene können und möchten ihre Erkrankung nicht loslassen, weil sie davon profitieren, zum Beispiel durch Aufmerksamkeit von außen. Sie genießen es, dass andere sich um sie kümmern, nett zu ihnen sind und Erledigungen abnehmen. Leider wird diese Erscheinung von Gesunden gerne dazu genutzt, dem Erkrankten Druck und Vorwürfe zu machen. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich überhaupt nicht von meiner Erkrankung profitiere, sie stört einfach nur. Ich würde gerne studieren, arbeiten und alleine einkaufen gehen. Es nervt mich abgrundtief, wenn mein Mann sich Sorgen macht oder mir Dinge abnehmen muss. Aber für Außenstehende ist es bei schwachen Argumenten eben einfacher, so einen dämlichen Spruch abzulassen, denn dann müssen sie sich nicht mehr mit der Erkrankung auseinandersetzen. Sie müssen nicht darüber nachdenken, ob sie vielleicht zur Aufrechterhaltung beitragen oder zumindest nicht bei der Genesung helfen. Bei Betroffenen führt so eine Aussage leider eben genau zu Folgendem: Druck und Selbsthass. Unsicherheit. Schlecht für eine Besserung der Symptomatik. Also einfach sein lassen. Und für Betroffene: Einfach nicht hinhören. Solche Sprüche kommen nämlich tatsächlich meistens dann, wenn eurem Gegenüber nichts Substantielles mehr einfällt. Das spricht gegen sie, nicht gegen euch.

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